Wenn der Raum mitentscheidet: Warum Präsentationstechnik, Licht und Akustik zur Produktivitätsfrage werden

In vielen Organisationen ist der Besprechungsraum noch immer ein Ort, an dem man sich trifft – nicht ein Ort, an dem man vorankommt. Genau an dieser Stelle setzen zwei Stimmen aus dem Smarter-Service-Umfeld an: Benjamin Springub von der KOMI Group und Samir Ayoub, CEO von designfunktion. Beide argumentieren aus unterschiedlichen Perspektiven, aber mit der gleichen Diagnose: Der Raum ist kein Hintergrund. Er ist ein System. Und dieses System ist in erstaunlich vielen Unternehmen und Verwaltungen noch nicht sauber eingestellt.

Nicht zehn Screens, sondern ein Konzept

Springub beschreibt das Problem mit dem Blick des Praktikers: Wer Räume aus dem Katalog heraus bestückt, kauft sich keine Wirkung. „Das fängt faktisch im Design der Räume an“, sagt er – und warnt vor der reflexhaften Lösung, einfach „jeden Screen zehnmal“ zu bestellen und überall zu montieren. Entscheidend sei, „was gibt der Raum her“, inklusive Ton, Akustik und Nutzungsszenario.

Aus seiner Sicht sind es nicht die großen Innovationsdebatten, die den Alltag zäh machen, sondern die kleinen Reibungsverluste: Technik, die von Raum zu Raum anders ist, Bedienlogik, die niemand mehr nachvollzieht, Geräte, die „verschwinden“, weil sie von Raum zu Raum wandern. Solche Details summieren sich zu Zeitverlust – und Zeitverlust ist die teuerste Meeting-Währung. 

Der Raum als Ganzes: Technik, Licht, Akustik, Möblierung

Ayoub geht einen Schritt weiter und fasst es als Gestaltungsaufgabe: Medientechnik, Akustik, Licht und Innenarchitektur müssten „ein Ganzes“ bilden, erst dann entstünden „gute Arbeitsrahmenbedingungen und damit auch gute Arbeitsergebnisse“. 

Wichtig ist dabei: Es geht nicht nur um hybride Konstellationen. Ayoub zieht die Linie ausdrücklich zu klassischen Präsentations- und Kommunikationssituationen: In mittleren und großen Präsentationsräumen müsse man sicherstellen, dass man „in den hinteren Reihen gut zuhören“ und Inhalte gut erkennen kann – und dass Blick, Distanz, Bildschirmgröße und Sprachverständlichkeit zusammenpassen. 

Workshops, Konferenzraum, Townhall: Jeder Modus hat andere Regeln

Ayoub unterscheidet Szenarien, die in vielen Unternehmen in denselben Raum gepresst werden: frontale Präsentation, kollaborative Formate, agile Workshops. Diese Modi bräuchten unterschiedliche Raum-Setups – andere Möblierung, andere Mikrofonie, andere Lichtführung, andere akustische Maßnahmen. Und manchmal sogar gegensätzliche akustische Ziele: In großen Townhalls oder Konferenzsälen gehe es eher darum, Sprache „sauber bis hinten“ zu transportieren; dann könnten Oberflächen weniger absorbierend sein als in einem kleineren Konferenzraum, in dem Nachhall reduziert werden soll.

Der entscheidende Punkt: Wer „Raum“ nur als Quadratmeter betrachtet, wird ihn überfordern – weil er gleichzeitig Besprechungszimmer, Workshop-Labor, Lernraum und Präsentationsbühne sein soll.

Gegenlicht ist keine Stilfrage, sondern Physik

Zu den häufigsten Fehlern zählt Ayoub ganz banal das Licht: „Hauptfehler Nummer eins“ sei Gegenlicht oder „Fenster im Rücken“. Das sei „ein Stückchen Physik“, werde aber „inflationär oft“ falsch gemacht. Wenn die Blickrichtung nicht zur Fensterseite passt, wird das Bild dunkel – unabhängig von Kamera, Software oder gutem Willen.

Damit rückt ein oft unterschätztes Thema nach vorn: Raumqualität beginnt nicht bei der Technik, sondern bei den Rahmenbedingungen, die Technik überhaupt erst wirken lassen.

50 bis 75 Prozent Nachholbedarf

Wie groß der Rückstand ist, beziffert Ayoub vorsichtig, aber deutlich: Um „auf ein gutes Niveau“ zu kommen – nicht High-End, aber wirksam – hätten „50 bis 75 Prozent“ der Organisationen Nachholbedarf und müssten investieren.

Diese Zahl passt zu dem, was Springub indirekt beschreibt: Wenn Räume nicht standardisiert, nicht durchdacht und nicht als Gesamtsystem betrieben werden, entsteht eine Meeting-Ökonomie aus Störungen, Umwegen und verlorener Aufmerksamkeit.

Vom Besprechungsraum zum Entscheidungs- und Begegnungsraum

Vom Besprechungsraum zum Entscheidungs- und Begegnungsraum, so könnte man die Hausaufgabe für viele Unternehmen und Behörden skizzieren. Es gehe nach Erfahrungen von Ayoub darum, dass „wirklich relevante Dinge“ passieren – und nicht nur Termine abgearbeitet werden. Am Ende müsse für alle das Gefühl stehen: „Es hat sich gelohnt.“ Technik und Raum hätten darauf „großen Einfluss“. 

Springub formuliert das komplementär: Gute Medien- und Audio-Video-Konferenztechnik sei der Schlüssel, damit Meetings nicht an Distanz, Raumgefühl und fehlender Teilhabe scheitern – „räumlich getrennt, aber trotzdem alle da“. Entscheidend ist: nicht das Gerät, sondern die Erfahrung, die es ermöglicht. 

Unterm Strich ist die Botschaft beider Gespräche eindeutig: Die Transformation der Arbeit scheitert selten am fehlenden Tool. Sie scheitert erstaunlich oft an Akustik, Licht, Bedienlogik, Blickachsen – und daran, dass Räume für alles da sein sollen, aber für nichts wirklich gut.

Zwischen Superlativ und Wirklichkeit: Gabriel Felbermayrs nüchterner Blick auf das EU-Indien-Abkommen @GFelbermayr @vonderleyen

Gabriel Felbermayr inszeniert seine Kurzanalyse zum EU-Indien-Abkommen als kleinen Reality-Check gegen die politische Euphorie. In acht Tweets spannt er einen Bogen vom historischen Kraftakt („Verhandlungsstart vor 20 Jahren“) bis zur geopolitischen Deutung – und landet dabei vor allem bei einem Befund: groß ja, radikal frei eher nein.

Der Ton: sachlich, pointiert, bewusst entzaubernd

Schon im Einstieg setzt Felbermayr auf Vergleich und Kontext: Wie beim Mercosur-Abkommen sei das Ganze eine „schwere Geburt“, Indien lange ein protektionistisches Bollwerk, in der WTO ein schwieriger Partner. Das ist journalistisch geschickt, weil es die Erwartungshaltung rahmt: Wer nach zwei Jahrzehnten Verhandlungen ein „Mutter-aller-Abkommen“-Narrativ erwartet, soll gleich zu Beginn auf Realismus geeicht werden.

Und genau diesen Kontrast spielt er aus: Superlative seien wegen der Größenordnung (1,9 Milliarden Menschen, 25.000 Mrd. Dollar Wertschöpfung) „in Ordnung“, aber das Abkommen sei „einigermaßen seicht“. Diese Formulierung ist nicht nur zugespitzt, sie ist auch programmatisch: Felbermayr bewertet nicht nach Symbolik, sondern nach Marktzugang, Abdeckung und Tiefe der Regeln.

Die Substanz: „Freihandel“ als Etikett, nicht als Vollausbau

Der stärkste Teil der Analyse liegt in der Aufzählung dessen, was nicht (oder nur teilweise) drin ist: Rohstoffe und große Teile der Landwirtschaft, Regeln zu Staatsbetrieben, Zölle auf Online-Transaktionen. Damit benennt er klassische Konfliktfelder moderner Handelsabkommen – und macht klar, warum „Freihandel“ hier eher eine politische Abkürzung ist.

Besonders konkret wird Felbermayr beim Automobilsektor: zunächst nur Verbrenner, Zollsenkung von über 100% auf 40%, langfristig 10% und später erst E-Autos. Das ist anschaulich, weil es zeigt, wie Abkommen oft funktionieren: als Stufenplan, der politisch heikle Branchen mit Übergangsfristen beruhigt. Gleichzeitig wird damit seine zentrale Diagnose plausibel: Wer viele Ausnahmen und lange Zeitpfade hat, produziert kurzfristig kleinere Effekte.

Die Wirkung: kleine Zahl, große Botschaft – aber mit Lücken

Felbermayrs BIP-Daumenregel („kurzfristig ca. +0,1% in 🇩🇪 & 🇦🇹“) erfüllt in einem Tweet-Format eine klare Funktion: Sie gibt Orientierung und bremst Erwartungen. Clever ist auch der politische Vergleich („kompensiert 1/2 des negativen Effekts der US-Zölle“) – damit wird das Abkommen als Teil einer größeren handelspolitischen Abwehrlage erzählt.

Was in dieser Kürze allerdings zwangsläufig unterbelichtet bleibt: Verteilung und Reibung. Ein aggregierter BIP-Effekt sagt wenig darüber, wer gewinnt (exportstarke Industrie, große Investoren) und wer verliert (kleine Betriebe, sensible Agrarsegmente, Regionen mit Anpassungsdruck). Auch zentrale Fragen der Umsetzung – Kontrollmechanismen, Streitbeilegung, tatsächliche Einhaltung von Zeitplänen – erscheinen nur indirekt.

Der Mehrwert: Rechtssicherheit als eigentliche Dividende

Stark ist Felbermayrs Hinweis, dass Zölle nur die halbe Miete sind: Rechtssicherheit bei Investitionen, weniger Bürokratie, leichteres Diversifizieren der Beschaffung. Das trifft einen Nerv, weil Unternehmen im Indiengeschäft oft nicht an einem Prozentpunkt Zoll scheitern, sondern an Verfahren, Standards, Genehmigungen, Rechtsdurchsetzung. Hier wirkt seine Analyse am modernsten: Handelsabkommen als Institutionenpaket, nicht als reine Zollmaschine.

Das Politische: Geopolitik – und ein Schuss Kulturkampf

Im letzten Drittel kippt der Fokus von Ökonomie zu Geopolitik: Die EU demonstriere Handlungsfähigkeit gegenüber „komplizierten Partnern“. Das ist nachvollziehbar, zumal Indien strategisch zwischen Blöcken agiert. Gleichzeitig erlaubt sich Felbermayr eine kämpferische Pointe: „Globalisierungsfeinde“ könnten noch „auf die Barrikaden“ klettern, etwa beim Investitionsschutz.

Hier zeigt sich eine Schwäche der Form: Der Konflikt um Investitionsschutz ist nicht nur „Skandalisierung“, sondern berührt reale demokratietheoretische und rechtsstaatliche Debatten (Schiedsgerichte, Regulierungsspielräume, Transparenz). Felbermayrs Warnung vor politischer Blockade ist plausibel – sein Framing reduziert die Gegenposition aber eher, als dass es sie argumentativ ausleuchtet.

Felbermayrs Thread ist eine gut lesbare, fachlich geerdete Entmythologisierung: riesige Dimension, begrenzte Tiefe, kurzfristig moderate Effekte – und ein langfristiger Wert über Wachstum, Rechtssicherheit und Bürokratieabbau. Als journalistische Kurzanalyse funktioniert das sehr gut: klar, konkret, ohne Alarmismus.

Als umfassende Bewertung bleibt sie naturgemäß fragmentarisch: Verteilungswirkungen, Nachhaltigkeits- und Standardsfragen, Durchsetzungsmechanismen und die politische Ökonomie des Investitionsschutzes bleiben Randnotizen. Doch vielleicht ist gerade das die Stärke dieses Formats: Felbermayr liefert keinen Jubeltext, sondern einen Kompass – und erinnert daran, dass Handelsabkommen nicht dadurch groß werden, dass man sie groß nennt, sondern dadurch, dass sie am Ende ratifiziert, umgesetzt und gelebt werden.

Wenn die Imagination auf „Ausführen“ klickt: Ein Abend im Museum Ludwig über künstliche Kreativität – und die Blackbox, die wir selbst sind

Magritte im Kinosaal: Das Bild widerspricht dem Wort

Dass ausgerechnet im Kino des Museum Ludwig – einem Ort, der seit jeher an der industriellen Erzeugung von Vorstellungskraft beteiligt ist – René Magrittes „Les mots et les images“ auf die Leinwand kam, war mehr als ein kunsthistorischer Einschub. Es war der heimliche Leitfaden des Abends. Magritte zeigt nicht einfach Bilder, er stellt Bedingungen: Wörter kleben nicht an Dingen, Bilder sind keine Dinge, und Bedeutung entsteht nicht aus Ähnlichkeit, sondern aus einem Verhältnis, das stets wackelt.

Diese Folie erschien im Laufe des Vortrags wie ein Prüfstein für die Frage, die über der Veranstaltung stand: Ist das, was KI-Systeme hervorbringen, Kunst – oder nur ein neuer Modus der Illustration? Und weiter: Wenn die Maschine Bilder „versteht“, wie verstehen wir dann noch Bilder?

Die Mathematik der Varianten: Kreativität als Suchproblem

Dieter Mersch – Mathematiker und Philosoph, Medientheoretiker, später Philosophische Ästhetik – argumentierte gegen die gängige Beruhigungsformel, KI sei „nur ein Tool“ und das Ergebnis daher automatisch harmlos. Seine Pointe zielte tiefer: KI-Systeme seien Mathematik-Maschinen, begrenzt durch das, was sich formalisieren, zählen, gewichten, optimieren lässt. In dieser Sicht ist das generierte Bild kein Werk, sondern eine Ausgabe: Ergebnis einer Funktion, die Eingaben (Prompts, Parameter, Trainingsverteilungen) auf Ausgaben (Pixel) abbildet.

In dieser Funktionalität liegt die Verführung. Sie macht Kreativität scheinbar verfügbar – als wäre sie eine Rechenoperation im Raum der Möglichkeiten. Die Kunst wird dann zu einer Frage der Kombinatorik: mehr Daten, mehr Rechenzeit, bessere Modelle, bessere Ergebnisse. Der Markt liebt das, weil er Varianz mit Innovation verwechselt: Die Auktion ist die natürliche Heimat des „beeindruckenden Outputs“.

Mersch konterte, indem er zeigte, wie man Systeme „auflaufen“ lassen kann: mit offenen Fragen, mit widersprüchlichen Kontexten, mit jenen Stellen, an denen das Modell seine Statistik verrät. Der Vortrag hatte damit eine dramaturgische Strategie: Entzauberung durch Vorführung.

Mein Einwand: Die Blackbox als zu bequeme Grenzziehung

In der Diskussion wurde mir an einem Punkt unbehaglich – und ich habe es als Einwand formuliert: Wenn der Abend vor allem demonstriert, wie man KI-Systeme vorführen kann, bleibt eine Frage unterbelichtet: Was passiert, wenn Mensch und Maschine nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten? Nicht als Mythos vom „Ersatzmenschen“, sondern als alte künstlerische Praxis, die es längst gibt: die Linie von frühen Computerkünstlern, in der Programmierkraft, Instrument und Entscheidung verschmelzen.

Hier griff ich zum Wort „Blackbox“ – nicht als metaphysische Behauptung („das Gehirn ist geheimnisvoll, also heilig“), sondern als epistemische Lage: Auch wir wissen nicht vollständig, wie Einfälle, Bedeutungen, Entscheidungen in uns zustande kommen. Wir konstruieren Kontexte, collagieren, kuppeln, variieren, verfeinern. Wenn man die Maschine als „Blackbox der Kontextverarbeitung“ abtut, gerät man in Gefahr, die menschliche Blackbox als sakrosankt zu setzen – und damit den entscheidenden Unterschied zu verfehlen.

Denn der Unterschied liegt nicht zuerst darin, dass etwas im Innern undurchsichtig ist. Der Unterschied liegt darin, was ein System im Außen schuldet.

Wittgenstein gegen den Innerlichkeitskult: Bedeutung ist Gebrauch

Wer Wittgenstein ernst nimmt, kann die Debatte von innen nach außen drehen. Bedeutung ist kein Besitz im Kopf, keine private Substanz, kein inneres Leuchten, das sich dann im Werk „ausdrückt“. Bedeutung ist Gebrauch: öffentliche Kriterien, Regeln, Praktiken, Formen des Lebens. Nicht das Innenleben entscheidet, sondern das, was im Verkehr trägt – und was scheitert.

Das trifft die KI-Frage dort, wo sie weh tut: Ein Generator kann Formen liefern, aber er spielt nicht in dem Sinn, dass er Gründe geben, Ansprüche erheben, Versprechen brechen, Verantwortung tragen könnte. Er produziert Anschlussfähigkeit; wir produzieren Verbindlichkeit. Kunst aber – sofern sie mehr ist als Dekor – ist genau diese riskante Erzeugung von Verbindlichkeit: ein Satz, ein Bild, eine Setzung, die nicht nur gefallen will, sondern gelten soll.

Turing ohne Metaphysik: Imitation ist nicht Identität

Auch Turing hilft – sofern man ihn nicht als Erlöser der Maschinen missversteht. Das Imitationsspiel fragt nicht nach dem „Wesen“ im Innern, sondern nach der Teilnahmefähigkeit: Kann etwas in unseren Sprach- und Handlungsspielen bestehen? Genau darin liegt die Nüchternheit – und die Zumutung. Die Maschine muss nicht „denken“ wie wir, um zu funktionieren. Und wir müssen nicht wissen, wie sie funktioniert, um von ihr beeinflusst zu werden.

Das verschiebt den Fokus: Nicht „Ist das Kunst?“, sondern: Unter welchen Bedingungen behandeln wir Outputs als Kunst – und was macht diese Behandlung mit unseren Kriterien? Die gefährliche Stelle ist nicht der Algorithmus, sondern die institutionelle und soziale Bereitschaft, Urteil durch Komfort zu ersetzen.

Der Kurator als Möglichmacher: Nicht Aufpasser, sondern Kontextbauer

An diesem Punkt kommt eine Figur ins Spiel, die im Kunstbetrieb längst wirksam ist und in der KI-Welt erst verstanden werden muss: der Kurator – nicht als Kontrollinstanz, sondern als Möglichmacher. Einer, der Räume schafft, in denen Bedeutung entsteht, weil nicht alles fertig ist, weil Brüche erlaubt sind, weil Umdeutung ausdrücklich eingeladen wird.

Übertragen auf KI heißt das: Der entscheidende Mensch ist nicht der Prompt-Flüsterer, der auf „Ausführen“ klickt. Der entscheidende Mensch ist der, der Kontexte inszeniert: der Fragen so stellt, dass nicht nur Output entsteht, sondern Streit; der Brüche zulässt; der das Nicht-Vorhersehbare nicht als Fehler, sondern als Möglichkeit behandelt. Kuratieren ist hier keine Aufsicht, sondern eine Ethik der Rahmenbedingungen.

Was vom Abend bleibt: Kritik ja – aber nicht als Beruhigung

Mersch’ Vortrag hatte die Stärke, die gängige Euphorie nicht zu bedienen. Er erinnerte daran, dass Generatoren nicht „unschuldig“ sind: Sie füttern Bildpolitiken, sie standardisieren Stile, sie beschleunigen die Zirkulation des Immergleichen. Und doch blieb ein Risiko: Die Vorführung der Schwächen kann das Publikum beruhigen – „so dumm ist das“ – statt es zu beunruhigen – „so sehr hängt das an uns“.

Magritte auf der Leinwand war die beste Antwort des Abends auf seine eigene Versuchung. Denn Magritte sagt nicht: Das Bild ist falsch. Er sagt: Das Bild ist nie nur Bild. Es steht im Verhältnis zu Worten, Blicken, Erwartungen. Genau dieses Verhältnis ist die eigentliche Arena der KI-Kunst. Nicht ob die Maschine „kreativ“ ist, entscheidet, sondern ob wir den Mut haben, unsere eigenen Kriterien zu überprüfen – und die Verantwortung nicht an die Statistik zu delegieren.

Am Ende ist die Blackbox nicht das Modell. Die Blackbox sind wir: unsere Bequemlichkeit, unser Hunger nach Varianten, unsere Bereitschaft, Bedeutung mit Wirkung zu verwechseln. Wer das begriffen hat, hat aus einem Vortrag über künstliche Kreativität eine Frage an die eigene Urteilskraft gemacht. Und das wäre – im besten Sinn – Kunst im Kontext.

Exkurs: Die Konstruktivisten und der Platonismus der Ingenieure

Silicon Valley als metaphysische Werkstatt

Der Ingenieur-Platonismus aus dem Silicon Valley ist keine akademische Position, sondern eine Arbeitsreligion: Was sich formalisieren lässt, existiert; was existiert, lässt sich optimieren. Die Welt erscheint als vorgegebener Vorrat an Strukturen, die nur noch entdeckt, vermessen, in Vektorräume gelegt werden müssen. „Reality“ wird zur Datenbank, Wahrheit zur Konvergenz einer Loss-Funktion. Das ist Platonismus ohne Dialoge: Ideen nicht als Ideen, sondern als Features.

Diese Haltung ist so wirksam, weil sie sich als Bescheidenheit tarnt. Man behauptet nicht mehr, die Welt zu kennen – man behauptet nur, Modelle zu bauen. Doch im selben Atemzug wird das Modell zur Welt. Aus dem mathematischen Ideal der Invarianz wird ein politisches Ideal der Steuerbarkeit.

Foerster: Nicht die Welt wird erkannt, sondern erzeugt

Heinz von Foerster hat genau an dieser Stelle die Schraube gedreht. Sein Konstruktivismus – genauer: eine Kybernetik zweiter Ordnung – beginnt mit einer simplen Störung des platonischen Selbstverständnisses: Der Beobachter gehört in das Beobachtete. Wissen ist nicht Entdeckung eines bereits fertig vorliegenden Kosmos, sondern Resultat von Unterscheidungen, die ein System trifft, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Wahrheit wird damit nicht beliebig, aber sie wird situiert: abhängig von Perspektive, Zweck, Rückkopplung, Verantwortung.

Für den Ingenieur-Platonismus ist das unerquicklich, weil es den schönen Traum zerstört, man könne die Welt „neutral“ abbilden. Foerster sagt sinngemäß: Jede Abbildung ist schon eine Operation – und jede Operation hat Folgen. Wer behauptet, nur zu messen, hat sich meist nur die eigenen Setzungen unsichtbar gemacht.

Bense und Franke: Mathematik als Medium, nicht als Altar

Max Bense hat die Mathematik früh in die Ästhetik hineingezogen – allerdings nicht, um der Kunst ein Rechenzentrum überzustülpen, sondern um sie als Informationsereignis zu denken: Ordnung und Komplexität, Variation und Redundanz, Signal und Rauschen. Das war riskant, weil es den Verdacht nährte, Kunst ließe sich messen. Aber der produktive Kern dieser „exakten Ästhetik“ liegt woanders: in der Einsicht, dass Form nicht nur Ausdruck, sondern Organisation von Möglichkeiten ist.

Herbert W. Franke wiederum – Praktiker, Experimentator, Pionier der Computerkunst – behandelte die Maschine nicht als Genie, sondern als Apparat der Variation: Serie, Zufall, algorithmische Regel, Wahrnehmungsversuch. Seine Arbeiten sind weniger Beweise für „künstliche Kreativität“ als Studien darüber, wie sich ästhetische Erfahrung verschiebt, wenn man Verfahren sichtbar macht. Franke steht damit näher bei Foerster als bei den platonischen Ingenieuren: Nicht „Die Maschine entdeckt Schönheit“, sondern „Wir lernen an der Maschine, was wir überhaupt Schönheit nennen“.

Der Streitpunkt: Entdecken oder Konstruieren?

Hier verläuft die eigentliche Frontlinie.

  • Platonismus der Ingenieure: Es gibt eine vorstrukturierte Welt; Daten sind ihr Abdruck; Modelle sind Annäherungen; Optimierung ist Fortschritt.
  • Konstruktivismus: Es gibt keine „datenreine“ Welt; Daten sind Ergebnisse von Entscheidungen; Modelle sind Eingriffe; Optimierung ist immer Optimierung von etwas für jemanden.

Wer KI als Kunstmaschine feiern will, hängt oft stillschweigend am ersten Bild: Kreativität sei ein Raum, der schon existiert, und das Modell navigiere ihn eben besser. Konstruktivistisch gelesen ist Kreativität eher ein Kontext- und Verantwortungsphänomen: Sie entsteht dort, wo Regeln gesetzt, gebrochen, reflektiert werden – und wo jemand für diese Setzungen einsteht.

Das macht den Gegensatz so aktuell: Silicon Valley baut Werkzeuge, als wären sie Weltzugänge. Die Konstruktivisten erinnern daran, dass sie zuerst Weltzugriffe sind – und damit immer auch Weltpolitiken.

Siehe auch:

Der blinde Staat im digitalen Vorfeldkrieg

Die Pipeline und die Lektion der Entschlossenheit

Am 7. Mai 2021 traf ein einzelner Angriff eine der empfindlichsten Nervenbahnen der amerikanischen Moderne: die Colonial Pipeline. Der Stillstand zwischen Texas und New York löste Panikkäufe aus, Notstandsmaßnahmen, eine öffentliche Regierungskommunikation, die bis zur grotesken Bitte reichte, Diesel nicht in Plastiktüten zu transportieren. Und er führte – so berichten es amerikanische wie europäische Beobachter – zu einem Prinzip, das in Deutschland gern als anrüchig gilt, in Washington aber als nüchterne Staatsräson verstanden wird: Der Angreifer sollte den Preis spüren.

Tatsächlich meldete das US-Justizministerium kurz darauf die Sicherstellung eines großen Teils des Lösegelds: 63,7 Bitcoin konnten beschlagnahmt werden. Das ist mehr als eine kriminalistische Pointe. Es ist eine Botschaft: Wer kritische Infrastruktur angreift, wird nicht nur beobachtet – er wird in seiner Handlungsfähigkeit getroffen.

Sabotage ohne Absender

Deutschland kennt ähnliche Gefährdungen – nur ohne die demonstrative Antwort. In einer Bundestagsdrucksache wird ein Fall genannt, der wie aus dem Lehrbuch der hybriden Nadelstiche wirkt: Bei der im Bau befindlichen Korvette „Emden“ seien im Januar 2025 mehrere Kilogramm Metallspäne im Antriebssystem entdeckt worden; der Verdacht: gezielte Manipulation, Ermittlungen liefen, öffentlich geworden durch Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung.

Doch während Amerika in der Pipeline-Krise sichtbar handelte, bleibt hierzulande oft schon die Benennung im Nebel. Man kann das rechtsstaatlich loben: Keine Schuldzuweisung ohne Beweis. Man muss es sicherheitspolitisch fürchten: Abschreckung lebt nicht vom Verdacht, sondern von der Erwartung einer Reaktion.

Der Satellit, der nicht kommt

Das Problem ist tiefer als eine einzelne Maßnahme. Es beginnt bei der Feindaufklärung – also bei der Fähigkeit, überhaupt zu sehen, was geschieht. Holger Stark beschreibt in seinem sehr lesenswerten Buch „Das erwachsene Land“ (Propyläen) eine Szene aus dem Jahr 2014, die wie ein Menetekel über dem folgenden Jahrzehnt hängt: „Peter Altmaier, Merkels ehemaliger Kanzleramtschef, erinnert sich noch daran, wie schmerzhaft die Bundesregierung diese Lücke zu spüren bekam. 2014, als die Spannungen im Donbass eskalierten, hatten Satellitenaufnahmen eines Privatunternehmens mehrere russische Panzer an der Grenze zur Ukraine gezeigt. Am nächsten Morgen waren sie verschwunden. Wo die Panzer stattdessen wieder auftauchten, das vermochten die BND-Auswerter nicht zu sagen: Sie hatten leider keine neuen Bilder vorliegen. Altmaier war entsetzt. ‚Ein richtiges Land braucht einen richtigen Satelliten‘, sagte er in einer Besprechung im Kanzleramt.“

Das Aufklärungsdesaster führte nach Recherchen von Holger Stark dazu, dass Kanzleramt dazu, dass das Kanzleramt gut 400 Millionen Euro auftrieb, um eigene Satelliten für den BND einzukaufen. „Im Frühjahr 2017 flog eine deutsche Delegation unter Leitung eines Staatssekretärs aus dem Kanzleramt nach Springfield, Virginia, zur NGA, um sich vor Ort inspirieren zu lassen. 2022 sollten die beiden BND-Satelliten ins All geschossen werden, das System trägt den Namen ‚Georg‘ (für den denglischen Begriff ‚Geheimes Elektro-Optisches Reconnaissance System Germany‘), was intern auch als Anspielung auf den heiligen Georg verstanden wird, den Drachentöter. Aber wie so oft bei Großprojekten verzögerten sich die Arbeiten. Im Herbst 2025, rund zehn Jahre nach dem Erweckungserlebnis mit den verschwundenen russischen Panzern im Donbass, flog noch immer kein eigener deutscher Aufklärungssatellit, demnächst soll es endlich so weit sein“, resümiert Stark, stellvertretender Zeit-Chefredakteur.

Der Autor zeichnet daraus das Bild eines Staates, der sich in existenziellen Fragen an fremde Augen gewöhnt hat. Es ist eine Paradoxie unserer Debattenkultur: Als Google Street View einst begann, Straßenansichten zu veröffentlichen, genügte hierzulande die Ahnung einer abfotografierten Fassade, um eine hysterische Sicherheits- und Privatsphärendebatte auszulösen. Bei der äußeren Sicherheit hingegen lebt man mit Abhängigkeiten von Partnerdiensten, Plattformkonzernen und privaten Datenlieferanten, als sei das ein Naturgesetz – ausgerechnet dort, wo Souveränität nicht Pose, sondern Überlebensbedingung ist.

Hackback: Rachewort, Notwehrproblem

In Deutschland ist „Hackback“ ein Reizwort – es klingt nach Revanche, nach digitaler Selbstjustiz. Gerade deshalb ist bemerkenswert, wie früh Christian Hummert, Forschungsdirektor der Cyberagentur, die Debatte früh auf Handlungsfähigkeit zuspitzte – auch öffentlich, etwa im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview in Halle an der Saale. Er spricht dort offen über die Spannungen mit der Hackerszene und sagt sinngemäß: Die Ressentiments – etwa beim Chaos Computer Club – seien groß; der Vorwurf laute, eine „Hackerbehörde“ finanziere Sicherheitslücken. Dann setzt er die berühmte Alltagsmetapher: Wenn „jeden Tag“ jemand die eigene „Wohnungstür kaputt“ mache, sage man irgendwann: „Jetzt ist Schluss.“ Und der entscheidende Satz folgt: „Die Debatte um Hackbacks wird wiederkommen – ob wir es nun aktive Cyberabwehr oder vigilantes Verhalten nennen.“ Das ist der Kern: Nicht Rache, sondern Unterbrechung.

Wenn selbst Minister von „Abwehrschlägen“ sprechen

Dass diese Debatte wieder da ist, zeigt die politische Sprache der Gegenwart. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt forderte, es reiche nicht, Cyberangriffe „nur mit möglichst wenig Schaden zu überstehen“; man müsse Angriffe stoppen und dafür – im Rahmen der Gefahrenabwehr – in der Lage sein, Angreifer auch im Ausland lahmzulegen. Zugleich wich er dem Wort „Hackback“ aus und sprach von „reinen Abwehrschlägen“. Die Semantik verrät die Lage: Man will handeln, aber man fürchtet den Begriff.

Der Preis der Handlungsfähigkeit: Recht, Risiko, Kontrolle

Die Einwände gegen Hackbacks sind real – und nicht kleinzureden: Attribution ist unsicher, Angriffe laufen oft über gekaperte Drittinfrastruktur, Kollateralschäden sind möglich. Wer einen Server abschaltet, trifft womöglich nicht den Täter, sondern ein missbrauchtes Zwischenstück. Genau deshalb ist die Frage nicht „Hackback: ja oder nein“, sondern: Welche Eingriffsschwelle? Welche Beweisanforderungen? Welche Verhältnismäßigkeit? Welche parlamentarische und richterliche Kontrolle – in welchem Tempo?

Eine „Agenten-Offensive“ als verspäteter Realismus

Der politische Druck wächst, weil Abhängigkeit zur strategischen Gefahr wird. In einer Recherche über eine geplante „Agenten-Offensive“ heißt es, BND und Verfassungsschutz sollten künftig nicht nur sammeln, sondern auch Gegenmaßnahmen ergreifen dürfen – bis hin zu Operationen, die ausdrücklich auf das Stören oder Zerstören gegnerischer Infrastruktur zielen. Und Bundeskanzler Friedrich Merz verlangte, der BND müsse „auf dem allerhöchsten Niveau“ mitspielen – verbunden mit dem Ziel, Deutschlands Sicherheitsinteressen stärker aus eigener Kraft zu wahren.

Das klingt nach „Normalstaat“. Nur sind wir es im Cyberraum, in der Satellitenaufklärung und in Teilen der technischen Souveränität noch nicht. Wir haben uns – um Starks Bild aufzunehmen – an fremde Augen gewöhnt. Und wir haben – um Hummerts Metapher ernst zu nehmen – lange zugesehen, wie jemand die Wohnungstür bearbeitet, während wir über die Gardinenstange stritten.

Abschreckung braucht Fähigkeit – Fähigkeit braucht Aufklärung

Abschreckung ist im 21. Jahrhundert nicht nur Panzer und Munition. Sie ist auch Sensorik, Datenhoheit, schnelle Auswertung, robuste Infrastruktur – und, im Ernstfall, die Möglichkeit zum Eingriff. Ohne Feindaufklärung bleibt jedes „Zurück“ im Hackback ein Schuss ins Dunkel. Ohne rechtlich sauber definierte Eingriffsrechte bleibt jede „aktive Abwehr“ bloße Rhetorik. Ohne Kontrolle aber wird Fähigkeit zur Gefahr im Innern.

Deutschland muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig lernen: sehen und handeln – und beides so, dass der Rechtsstaat nicht Opfer seiner eigenen Blindheit wird.

Licht, Ton, Wirkung: Smarter Service Talk mit Samir Ayoub (28.01. | 12:00)

Die moderne Arbeitswelt ist reich an Tools – und erstaunlich arm an Räumen, die diese Tools zur Wirkung bringen. Zu oft gilt der Besprechungsraum als neutraler Ort. Tatsächlich ist er ein Faktor: Er bestimmt, ob Kommunikation gelingt.

Am Mittwoch, 28. Januar 2026, um 12:00 Uhr wird der Smarter Service Talk mit Samir Ayoub, CEO von designfunktion, gesendet. Es geht um die oft unterschätzte Trias aus Präsentationstechnik, Licht und Akustik: um Blickachsen statt Bauchgefühl, um Sprachverständlichkeit statt „wird schon“, um die einfache Wahrheit, dass Gegenlicht nicht diskutiert werden kann – nur korrigiert.

Als thematischer Ausblick führt der Talk direkt zur KOMI Zukunftswerkstatt am 5. Februar 2026 in Stuttgart. Dort greifen wir den Faden auf – unter anderem mit Benjamin Springub (KOMI Group) – und stellen die praktische Frage: Wie wird aus einem Besprechungsraum ein Ort, an dem Entscheidungen entstehen – und nicht nur Termine vergehen?

Termine im Überblick
28.01.2026 | 12:00 Smarter Service Talk
05.02.2026 | Stuttgart KOMI Zukunftswerkstatt
25.–26.03.2026 | Hamburg Messe & Congress Zukunft Personal Nord
21.–22.04.2026 | Messe Stuttgart Zukunft Personal Süd

3775 Jahre Kundenfrust: Nanni hatte schon ein Ticket

Ich bin bei Nils Hafner in einem LinkedIn-Posting auf ein Stück Ton gestoßen, ungefähr so groß wie ein Smartphone – nur schwerer, staubiger und ohne Ladebuchse. Darauf: Keilschrift. Und zwar nicht irgendeine. Es ist der älteste überlieferte Beschwerdebrief der Welt. Um 1750 v. Chr., Mesopotamien. Kunde Nanni hat sich seinen Frust förmlich in den Ton gehämmert und Händler Ea-nāṣir geschrieben: Deine Kupferbarren taugen nichts – und deinen Umgangston kannst du dir ebenfalls einrahmen. Selbst der Bote wurde auch noch pampig behandelt.

3.700 Jahre später ist das Material moderner geworden, die Botschaft nicht. Heute hämmern wir nicht mehr in Ton, sondern in Kommentarspalten, Chatfenster und App-Store-Reviews. „Minderwertige Kupferbarren“ heißen jetzt „instabile Leitung“, „mysteriöse Zusatzgebühr“, „Paket seit 12 Tagen in Zustellung“, „Kündigung nur per Fax“ oder „Ihr Anliegen ist uns wichtig (bitte warten Sie 28 Minuten)“. Und der unhöflich behandelte Bote? Das ist 2026 der Mensch, der für Oma anruft, weil die App wieder „unerwartet beendet“ wurde – oder der Kunde, der sich durch einen Chatbot kämpfen muss, der höflich lächelt und inhaltlich konsequent nicht hilft.

Servicehelden, überall Servicehelden

Jeden Tag vollbringen Service-Unternehmen eine gute Tat – zumindest in ihren PowerPoints. Es wimmelt nur so von Champions, Dienstleistungsakrobaten, Customer-Centricity-Ninjas und „kundenzentrierten“ Weltmarktführern. Abgesichert und bewiesen durch Umfragen, Ranglisten, Awards, Studien und LinkedIn-Posts mit Selfie vor dem Roll-up: „Wir stellen den Kunden in den Mittelpunkt.“

Klar. Solche Sätze passen wie Deko-Kissen in jedes Leitbild: angenehm weich, völlig folgenlos. Es wäre ja auch eine gewaltige Überraschung, wenn eine Organisation offiziell verkünden würde: „Bei uns steht der Prozess im Mittelpunkt, der Kunde ist Störfaktor, bitte ziehen Sie eine Nummer und schweigen Sie ehrfürchtig.“ In der Praxis passiert nur eben genau das – mit freundlicher Anrede und automatischer Signatur.

Dumm nur, dass der Verbraucher diese Exzellenz manchmal gar nicht merkt. Vielleicht, weil die Pseudo-Exzellenz oft dort stattfindet, wo Kunden nicht vorkommen: in Jurybegründungen, Zertifikatsübergaben und internen Newslettern („Wir sind wieder unter den Top 3 der Serviceanbieter!“). Nur die, die man täglich bedienen möchte, stehen draußen im Regen – digital oder analog.

Umfragen: Wenn du nur richtig fragst, sind alle glücklich

Das eigentlich Geniale ist nicht der Service, sondern die Methodik. Wer gut fragt, gewinnt immer.

Früher klang das nach: „Sind Sie grundsätzlich der Auffassung, dass Mülltrennung im Prinzip eine gute Sache ist?“ Wer wollte das verneinen. Heute heißt es:
„Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie uns weiterempfehlen?“ (0–10)
und direkt danach:
„Was können wir verbessern?“ (bitte in 240 Zeichen, während Sie noch in der Warteschleife hängen)

Diese Mikro-Befragungen sind die neuen Orakel: NPS, CSAT, CES – Buchstaben, die intern mehr Gewicht haben als der Kunde selbst. Hauptsache, die Kurve zeigt nach oben. Was die Kurve selten zeigt: dass der Kunde die Empfehlung zwar gibt, aber nur, weil er endlich aus dem Chat raus will. Oder dass er „10“ klickt, weil er Mitleid mit dem Agenten hat, der sonst Ärger bekommt. Oder dass er „0“ klickt, weil die App gerade wieder abgestürzt ist – und zwar aus Prinzip.

Man kann Menschen fast alles entlocken, wenn man „grundsätzlich“ davor setzt. Grundsätzlich ist auch Steuerzahlen eine gute Sache. Grundsätzlich ist Demokratie super. Grundsätzlich sind Bahnfahrten romantisch. In der Realität sitzen wir dann doch wieder im ICE, irgendwo zwischen „Signalstörung“ und „Bitte haben Sie Geduld“, und fragen uns, ob Nanni damals wenigstens eine ordentliche Entschädigung in Kupfer bekommen hat.

Der neue Hotline-Irrsinn heißt Chatbot

Damals wurde uns erzählt, Kunden würden den persönlichen Kontakt an der Hotline bevorzugen. Was für ein Märchen. Heute wird uns erzählt, Kunden würden „Self Service“ lieben. Und natürlich stimmt auch das – wenn der Self Service funktioniert. Tut er nur häufig nicht. Dann ist „Self Service“ eine elegante Umschreibung für: „Wir haben es so gebaut, dass Sie aufgeben.“

Früher schmorte man in der Warteschleife. Heute schmort man in einem Chatfenster mit dem Hinweis:
„Ich bin Ihr digitaler Assistent. Beschreiben Sie Ihr Anliegen in einem Satz.“

Ein Satz. Für ein Problem, das seit drei Monaten besteht, fünf Abteilungen betrifft und sich nur lösen lässt, wenn jemand einmal kurz nachdenkt. Also tippt man: „Rechnung falsch.“
Antwort: „Meinten Sie: Rechnungskopie?“
Man tippt: „Nein. Falsch berechnet.“
Antwort: „Hier sind unsere Öffnungszeiten.“

Das ist die moderne Variante der unhöflichen Behandlung des Boten. Nur dass der Bote jetzt der Kunde selbst ist – und der Ton, in den er hämmert, ein Formularfeld, das nach 15 Minuten Inaktivität alles löscht.

Omnichannel: Das Alzheimer-Prinzip in hübscher Verpackung

Und dann kommt das Beste: Egal, über welchen Kanal man startet – man endet oft beim gleichen Ritual. Ich nenne es weiterhin das Alzheimer-Prinzip, heute im schicken Gewand des „Omnichannel Managements“:

  • Du meldest ein Problem per App.
  • Die App erstellt ein Ticket.
  • Das Ticket verlangt einen Anruf.
  • Am Telefon fragt man nach der Ticketnummer.
  • Mit Ticketnummer sagt man: „Dazu habe ich keinen Zugriff, bitte schildern Sie das kurz.“
  • Du schilderst es kurz.
  • Nach 20 Minuten heißt es: „Das liegt nicht bei uns, ich verbinde.“
  • Klick.
  • „Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?“
  • Du schilderst es erneut. In Keilschrift, innerlich.

Die Technik könnte Kontext. Sie will nur oft nicht. Kontext ist nämlich teuer, Verantwortung auch. Deshalb optimieren viele Organisationen lieber auf Kennzahlen: Anrufdauer runter, Kontaktvermeidung rauf, Ticketabschlussrate hoch. Der Kunde ist dann kein Mensch mit Anliegen, sondern eine Messgröße, die man aus dem System drücken muss, bevor sie die Statistik verdirbt.

Rücken zum Kunden – in Staat und Wirtschaft

Und nein, das ist kein reines Unternehmensproblem. Auch viele staatliche Organisationen stehen noch immer mit dem Rücken zum Bürger: Formulare, die aussehen, als hätte Ea-nāṣir sie entworfen. Portale, die „digital“ heißen, aber am Ende doch einen Ausdruck verlangen. Prozesse, die nicht dafür gebaut sind, dass Menschen ein Anliegen haben – sondern dafür, dass Menschen das Anliegen bitte so lange umsortieren, bis es in die Schublade passt.

Kundenzentrierung bedeutet in solchen Systemen oft: Der Kunde darf sich zentrieren – um das System herum.

Was Nanni uns heute sagen würde

Nanni hat ein Dokument geschaffen, das Jahrtausende überlebt. Unsere heutigen Beschwerden verdunsten im Ticket-System wie Atem auf Glas. Nach 30 Tagen gelöscht. Datenschutz. Aufbewahrungsfrist. „Wir können Ihre Vorgänge leider nicht mehr einsehen.“

Vielleicht sollten wir das ändern. Nicht als Nostalgie, sondern als Service-Reform: Jede Organisation, die „Kunde im Mittelpunkt“ aufs Leitbild schreibt, bekommt am Eingang einen Tonblock und einen Griffel. Wer sein Problem nicht gelöst bekommt, darf es dort eingravieren. Unkürzbar. Unlöschbar. Ohne Copy-Paste aus der Textbaustein-Bibliothek.

Ich wette: Innerhalb von zwei Wochen wären die Prozesse schlanker, die Mitarbeiter ermächtigt – und die Kupferbarren plötzlich erstaunlich hochwertig.

Und irgendwo in der Serviceabteilung würde jemand leise sagen:
„Ea-nāṣir, wir müssen reden.“

Innenstädte im Sinkflug: Warum der stationäre Handel keine Schonzeit mehr hat

Die Krise des stationären Handels ist längst kein konjunkturelles Ereignis mehr, das mit sinkenden Zinsen oder steigender Konsumlaune wieder vergeht. Sie ist Strukturwandel in Zeitlupe – und gerade deshalb so unerquicklich. Denn was langsam erodiert, wirkt lange reparabel. Man redet sich ein, es handle sich um eine Phase, nicht um eine Zäsur. Doch die Indikatoren sind unbarmherzig: Frequenzen sinken, Fixkosten bleiben, Margen schrumpfen, Investitionen unterbleiben. Das Ganze ist kein plötzlicher Einsturz, sondern ein fortgesetztes Absacken.

Die jüngsten Meldungen über ein prominentes Kaufhaus in Köln – Gerüchte über eine interne „Exit-Liste“, schroffe Dementis, Berichte über schwache Umsätze – sind in diesem Sinne nicht die Nachricht. Sie sind die Kulisse. Die eigentliche Nachricht lautet: Selbst in vermeintlichen Premiumlagen ist die Frage nicht mehr, ob sich ein Haus modernisiert, sondern ob es überhaupt noch eine tragfähige Zukunft als Warenhaus gibt. Wer darin nur „negative Stimmung“ sieht, verwechselt Stimmung mit Statistik.

Der Handel schrumpft Richtung Null

Der Handelsexperte Professor Gerrit Heinemann hat die Entwicklung mit einer bemerkenswerten Klarheit beschrieben: Downsizing, Verkleinerung in Richtung Null – irgendwann bei Null. Das ist drastisch, aber nicht melodramatisch. Es ist die nüchterne Formel für ein Modell, das zu lange von seiner Vergangenheit gelebt hat: große Flächen, breite Sortimente, hohe Komplexität, geringe Differenzierung. Der Kunde hingegen hat gelernt, dass Auswahl nicht im Regal, sondern im Smartphone wohnt. Und dass Bequemlichkeit nicht aus Serviceversprechen entsteht, sondern aus Logistik.

Hinzu kommt die Diskrepanz zwischen dem, was man gern über sich sagt, und dem, was man tut. Viele Bürger bekennen sich zur „Innenstadt“, zum „lokalen Einkauf“, zur „Nachhaltigkeit“. Gekauft wird dann doch nach Preis und Lieferzeit. Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern eine Marktbeobachtung. Wer Rettungsprogramme darauf gründet, der Kunde werde schon aus Verantwortungsgefühl zurückkehren, betreibt Wunschökonomie.

Immobilienlogik statt Handelslogik

Besonders unerquicklich wird es dort, wo Handelspolitik zur Immobilienpolitik wird. In vielen Fällen hängt die Fortexistenz großer Häuser weniger am Geschäftsmodell als an der Frage, ob die Immobilie noch als Anlageobjekt taugt. Hohe Mieten werden dann nicht als Risiko betrachtet, sondern als Anspruch. Das Warenhaus wird zum Träger einer Renditeerwartung, die aus einer anderen Epoche stammt. Wenn es scheitert, wird nicht das System geändert, sondern der nächste Betreiber gesucht – oder die nächste Insolvenz „verwaltet“.

Das erzeugt eine Verzerrung der Debatte. Denn statt über zukunftsfähige Nutzung zu sprechen, wird über „Rettung“ gesprochen. Rettung aber ist kein Konzept, sondern ein Zeitgewinn. Und Zeitgewinn ist teuer, wenn er nicht genutzt wird.

Kommunalpolitik im Widerspruch

Die Städte stehen unter Druck – und setzen sich zugleich selbst unter Druck. Einerseits wünschen sie lebendige Zentren. Andererseits halten sie über Planungsrecht und Nutzungsvorgaben an Handelsflächen fest, die ökonomisch nicht mehr funktionieren. Umnutzung – zu Wohnen, Bildung, Gesundheit, Kultur, Verwaltung, gemischten Quartieren – wird oft erschwert, verzögert, bürokratisch verknotet. So entsteht ein paradoxer Zustand: Leerstand neben Wohnraummangel, Verödung neben Investitionsstau.

Dazu kommt die typische deutsche Schonung der Eigentümerseite. Vermieter gelten als „schwer greifbar“, Eigentumsverhältnisse als „kompliziert“, Eingriffe als „heikel“. Das kann man so sehen. Man sollte nur offen sagen: Wer auf Freiwilligkeit setzt, entscheidet sich in vielen Fällen für den Stillstand. Und Stillstand ist im Strukturwandel nicht neutral, sondern destruktiv.

Die Mobilitätsfalle der Innenstadt

Wer die Innenstadt als Aufenthaltsraum retten will, muss sie erreichbar halten. In vielen Kommunen geschieht das Gegenteil: Der Autoverkehr wird zurückgedrängt – was man städtebaulich vertreten kann –, aber der öffentliche Verkehr wird nicht im gleichen Maße gestärkt. Parken wird schwieriger und teurer, Busse und Bahnen sind unzuverlässig oder überfüllt, Familien zahlen für spontane Wege einen Preis, den sie als Zumutung empfinden. Das Ergebnis ist ein weiteres Dilemma: Man appelliert an die Bürger, die Innenstadt zu nutzen, und organisiert zugleich die Gründe, es nicht zu tun.

Plattformdruck und Vollzugsdefizit

Der Strukturwandel wird zusätzlich beschleunigt durch Plattformanbieter, die mit extremen Preisen, aggressiver Vermarktung und – jedenfalls in Teilen – durch das Ausnutzen von Zoll- und Steuergrenzen operieren. Der stationäre Handel konkurriert dann nicht nur mit besseren Geschäftsmodellen, sondern mit einem System, das Regeln nicht in gleicher Strenge spürt. Man kann darüber ideologisch streiten. Ökonomisch ist es simpel: Wenn Durchsetzung fehlt, verschiebt sich der Wettbewerb.

Ein Staat, der beim Mittelstand kleinlich kontrolliert und bei massenhaftem Grenzverkehr großflächig kapituliert, zerstört Vertrauen in Fairness. Und ohne Fairness wird jede Ermahnung an den „Innenstadtkunden“ zur Heuchelei.

Was jetzt zu tun wäre

Erstens: Die Illusion, es komme „wieder eine bessere Zeit“ im Sinne einer Rückkehr zum alten Warenhausmodell, gehört beerdigt. Die bessere Zeit kommt nicht als Wiederholung, sondern – wenn überhaupt – als Umbau.
Zweitens: Planungsrecht muss Umnutzung erleichtern, nicht verhindern. Innenstädte brauchen Mischnutzung, nicht Monokultur.
Drittens: Eigentümer müssen Teil der Lösung werden – notfalls durch stärkere Anreize und klarere Regeln.
Viertens: Mobilität ist Voraussetzung jeder Belebung. Wer Autos begrenzt, muss Alternativen ausbauen, nicht ausdünnen.
Fünftens: Wettbewerb setzt Vollzug voraus. Zoll, Steuer, Standards – wer sie ernst meint, muss sie auch durchsetzen.

Das Ende der Schonzeit

Die Dauerkrise des stationären Handels ist das Ende einer Schonzeit, die man sich lange gegönnt hat – aus Nostalgie, aus politischer Bequemlichkeit, aus der Hoffnung, man könne den Strukturwandel wegmoderieren. Aber Märkte lassen sich nicht wegmoderieren. Innenstädte sind kein Museum. Sie sind ein Organismus. Und wer einen Organismus erhalten will, darf ihn nicht konservieren, sondern muss ihn erneuern.

Exkurs: Die Stadt als Innovationsraum – eine Beobachtung von der Next Economy Open

Auf der Next Economy Open zeigte sich in einer Session mit Gloria Göllmann, wie sehr die Zukunft der Innenstadt weniger an „dem Handel“ hängt als an der Fähigkeit, Stadt als gemeinschaftlich organisierten Möglichkeitsraum zu begreifen. Göllmann, die sich selbst als „Stadtretterin“ bezeichnet, kommt nicht aus der wohlfeilen Kommentierung, sondern aus der praktischen Koordination: Sie arbeitet als Geschäftsführerin einer Immobilien- und Standortgemeinschaft – im Kern ein Business-Improvement-District nach deutschem Recht –, in dem Eigentümer eines Quartiers über eine verbindliche Abgabe in die Verantwortung genommen werden, sobald eine qualifizierte Mehrheit zustimmt. Der Satz „Eigentum verpflichtet“ bekam hier eine selten konkrete Bedeutung: nicht als moralische Floskel, sondern als Finanzierungs- und Steuerungsinstrument gegen Leerstand, Verwahrlosung und das schleichende Ausfransen urbaner Qualität.

Bemerkenswert war dabei weniger die Aufzählung einzelner Maßnahmen – Sauberkeit, Sicherheit, Veranstaltungen, Zwischennutzungen – als die Logik dahinter: Stadtentwicklung als Moderation konkurrierender Interessen, als Übersetzungsarbeit zwischen Verwaltung, Eigentümern, Gewerbe, Vereinen, Kirchen, Bürgerschaft. „Führung ist Informationen zum Fließen bringen“, fiel als Satz – und er trifft den Punkt. In einer Zeit, in der Bürokratie als unüberwindliche Wand erlebt wird und zugleich Vertrauen in Institutionen erodiert, entsteht Handlungsmacht dort, wo jemand Gesprächsfähigkeit organisiert: niederschwellig, transparent, wiederholbar. Dass Göllmann zugleich betont, Wissen „open source“ verfügbar zu machen und Best Practices über Netzwerke zu teilen (sie sprach von einem gewachsenen kommunalen Austauschverbund), verweist auf ein Prinzip, das in vielen Innenstädten fehlt: Lernen in Serie statt jedes Mal bei Null.

Schließlich wurde an einem scheinbar kleinen Beispiel deutlich, wie „Innovationsraum“ in der Stadt ganz konkret aussehen kann: Licht, Inszenierung, Aufenthaltsqualität – die Aufwertung von Gründerzeitfassaden durch dauerhafte, rücksichtsvolle Beleuchtung, die Fensterbereiche ausspart, damit Ästhetik nicht zum Eingriff in Privatheit wird. Das ist kein dekorativer Nebenschauplatz, sondern ein Hinweis auf eine neue Innenstadtökonomie: weniger Flächenlogik, mehr Atmosphäre; weniger Monokultur, mehr Mischung; weniger reines Konsumversprechen, mehr Identifikation. Der stationäre Handel profitiert davon – aber er ist nicht mehr der alleinige Zweck. Die Stadt, so die implizite Pointe dieser Session, wird wieder dann resilient, wenn sie nicht um jeden Preis „Handel“ erzwingt, sondern Leben ermöglicht.

Wallbox-Staat. Förderfehler. Klassenstrom.

Deutschland will Elektromobilität. Deutschland will „Hochlauf“. Deutschland will Zukunft. Und dann kommt die Realität. In Prozent. 1,3 % der Haushalte unter 2.600 Euro Nettoeinkommen besitzen 2023 ein E-Auto oder Plug-in-Hybrid.
13,4 % der Haushalte ab 5.000 Euro besitzen eins. Zehnmal so viel. Zehnmal.

Das ist nicht „nur“ Statistik. Das ist Politik, die sich als Markt tarnt. Das ist ein Verteilungsmechanismus mit Ladeanschluss.

Und jetzt, als Pointe: Ab 2026 soll wieder gefördert werden – Kauf oder Leasing, Bonus für Familien, Bonus für niedrigere Einkommen. So steht es in der Mitteilung.
Klingt nett. Klingt gerecht. Klingt nach Korrektur.
Ist aber im Kern: weiter am Symptom herumsubventionieren, statt an der Struktur zu bauen.

Denn die gleiche Mitteilung sagt auch: Wer elektrisch fährt, fährt oft neu oder geleast. Fast die Hälfte neu gekauft (48,5 %), fast die Hälfte geleast (45,2 %), Gebraucht nur 15,2 %.
Heißt: Wir fördern genau das Segment, das ohnehin Zugang hat: Neuwagen, Leasing, Firmenwagenlogik, Liquidität.
Wir fördern die Eintrittskarte, nicht den Eingang.

Die Wallbox als soziales Grenzobjekt

Die Wallbox ist kein Gerät. Die Wallbox ist ein Besitzstand.
Sie hängt an der Fassade des Einfamilienhauses wie ein Emblem: Hier wohnt Anschlussfähigkeit.

Und das ist der Skandal, der so banal wirkt, dass man ihn fast übersieht:
Etwa 80 % der Elektroautos werden zu Hause geladen.
Super. Nur: Zuhause ist nicht gleich Zuhause.

Etwa 70 % der Wohnungen liegen in Mehrparteienhäusern, oft vermietet – und genau dort wird Laden zum Drama: Eigentümerversammlung, Vermieterblockade, Netzkapazität, Kostenumlage, Haftungsfragen. Drei Jahre Diskussion für eine Wallbox, während die Politik vom „Hochlauf“ spricht.
Das ist keine Transformation. Das ist Standbild.

Und dann wundert man sich, dass Menschen sagen: Ich würde ja – aber ich kann nicht.
Elektromobilität als Privilegienmobilität.

„Öffentlich laden“ ist nicht gleich „öffentlich laden“

Es gibt sie ja, die Infrastruktur: gut 160.000 öffentliche Ladepunkte (1. Januar 2025), davon knapp 36.000 Schnellladepunkte. Und trotzdem: regionale Schieflagen. Ostdeutsche Länder dünner versorgt, Bayern/Baden-Württemberg dichter. Im Schnitt 7 Minuten zur nächsten öffentlich zugänglichen Ladesäule, in Ballungsräumen 2–5, in dünn besiedelten Regionen teils bis 30.

Aber selbst wenn die Säule da ist: Der Markt macht daraus oft ein Tariflabyrinth.
Wer keine Hausstrom-Idylle hat, zahlt drauf – finanziell und zeitlich.
Und so wird aus dem „öffentlichen Netz“ kein commons, sondern ein Flickenteppich aus Zugangshürden.

Der zentrale Förderfehler: Wir subventionieren Autos, nicht Systemwechsel

Es ist diese typisch deutsche Verwechslung:
Man hält Stückzahlen für Fortschritt.

Ja, 2025 waren 30,0 % der Neuzulassungen elektrisch (BEV oder Plug-in).
Und ja, 856.500 neue elektrische Pkw, davon 545.100 BEV (19,1 % aller Neuzulassungen).
Das klingt nach Bewegung.

Aber die Besitzstatistik sagt: In den Haushalten sind es insgesamt 6,0 % (2023).
Und die Einkommensverteilung sagt: Unten fast nichts, oben sehr viel.
Das ist der Riss. Das ist die Sollbruchstelle der Mobilitätswende.

Denn Mobilität ist Infrastruktur. Und Infrastruktur ist: Zugänglichkeit, Preislogik, Regeln, Standardisierung, Betrieb. Nicht: einmalig Geld auf den Kaufvertrag und dann „Viel Glück“.

Die bessere Logik: Laden dort, wo die Autos stehen – und zwar lange

Und hier kommt die Stelle, an der es plötzlich einfach wird. Fast unverschämt einfach.

Auf dem Green Monday wurde die Gegenidee sichtbar: Ladehubs in Parkhäusern (Konzept von Karl Grote). Die Frage, die alles entlarvt: Was macht das Parkhaus nachts?
Antwort: Es steht rum. Es hat Raum. Es hat Ordnung. Es hat Zufahrten. Es ist gebaut.

Und das Auto? Steht auch rum. Meist länger als 22 Stunden am Tag.
Also: langsames, kontinuierliches Laden statt Schnelllade-Hysterie.
Systemisch gedacht: Parken + Laden + Lastmanagement + faire Tarife.

Das ist nicht „Anti-Wallbox“. Das ist Post-Wallbox.
Weil es die Mehrparteien-Realität ernst nimmt, statt sie mit Einfamilienhausbildern zu übertönen.

Was jetzt gefördert werden müsste (wenn man’s ernst meint)

Gebäudelösungen in Mehrparteienhäusern: Standardpakete, Genehmigungsvereinfachung, Umlagemodelle, Betriebskonzepte.

  1. Quartiershubs: Parkhäuser, Garagenkomplexe, Mobilitätsstationen – mit einfacher Nutzerführung.
  2. Tarif-Fairness: weniger Vertragswildwuchs, mehr Transparenz, weniger Strafpreise für die ohne Eigenheim.
  3. Second-hand-Elektrifizierung: Gebrauchtmarkt stärken, sonst bleibt E-Mobilität Neuwagenmilieu.

Sonst kommt genau das raus, was die Destatis-Zahlen schon heute zeigen:
Ein grüner Fortschritt, der sozial nach hinten rausfällt.

Bonn, Sommer 2026: Über Nacht in der Stadt der leisen Mächte

Bonn hat diese seltene Begabung, Wichtigkeit so zu tragen, als wäre sie ein Mantel, den man lieber zu Hause lässt. Die Stadt am Rhein ist nicht laut, nicht großspurig, nicht einmal besonders bemüht, Eindruck zu machen – und gerade deshalb wirkt sie auf Besucher wie ein gut gehütetes Geheimnis, das zufällig einen Weltkonferenzsaal, eine Museumsmeile und eine erstaunlich internationale Gelassenheit besitzt. Man geht hier am Wasser entlang und hat das Gefühl, dass Politik und Parkbank sich nicht widersprechen müssen.

Im Sommer 2026 bekommt diese Gelassenheit allerdings ein zweites Tempo. Wer abends Richtung Rheinaue zieht, merkt schnell: Bonn kann auch Bühne. Nicht als Großstadtpose, eher als sorgfältig eingerichteter Ausnahmezustand – einer, bei dem man nach dem Konzert noch nach Hause findet, ohne sich durch ein Labyrinth aus Überheblichkeit zu schlagen.

Kunstrasen: Wenn die Rheinaue zum Kalender wird

Der Kunstrasen ist kein Festival im klassischen Sinn, sondern eine Serie – und Serien ändern die Wahrnehmung einer Stadt. Plötzlich ist Bonn nicht nur „da“, sondern „dann“: ein Datum, ein Ticket, ein Treffen. Auf dem Gelände am Rheinufer, in Sichtweite moderner Bonner Silhouetten, funktioniert der Sommer wie ein fortlaufendes Kapitel: Man kommt wieder, oder man hört von denen, die wiederkommen.

Anfang Juli, wenn die Luft noch diese freundliche Vorsommer-Kühle hat, gehört die Eröffnung denjenigen, die das Rheinland in den Stimmbändern tragen: Brings. Der Abend wird dort auf der Website gleich als Beben angekündigt – kölsches Herzblut, Partyenergie, diese Art von kollektiver Einigung, dass Alltag überschätzt ist. Am Tag danach Montez, der sein 15-Jahre-Jubiläum feiert und damit einen der typischen Kunstrasen-Momente liefert: Pop als biografische Zwischenbilanz, in einem Setting, das nach Picknick aussieht und sich dann doch in Chor verwandelt. Und gleich darauf Marillion – Prog als Pilgerreise. Diese Abende sind die, an denen man sieht, wie aus Musik Publikum wird: Menschen, die nicht „zufällig da“ sind, sondern genau deshalb.

In der ersten Juliwoche dreht Bonn die Weltkarte kurz zur Playlist: Jovanotti kommt, mit Jack Savoretti als Gast, und plötzlich wirkt die Rheinaue wie eine italienische Sommerfantasie, nur ohne Meer, dafür mit Rhein und diesem besonderen Bonner Licht. Am 8. Juli dann Nile Rodgers & Chic – Disco als Gemeinschaftsübung, flankiert von Gästen (Mother’s Finest, Kid Creole & The Coconuts), ein Abend, der so souverän ist, dass er sich nicht entscheiden muss zwischen Nostalgie und Gegenwart.
Madness folgen – britische Ska-Legenden, „Our House“ im Kopf, gute Laune als Rhythmusdisziplin.

Und dann, als wolle Bonn demonstrieren, dass Hochkultur hier nicht geschniegelt sein muss, kommt das Klassik!Picknick: Decke, Sonne, Beethoven Orchester Bonn – kostenfrei, ausdrücklich für Familien, Freunde, Neugierige. Klassik als Stadtpark-Angebot, nicht als Eintrittsbarriere. ZAZ bringt danach den Chanson-Ton in den Juli, Wincent Weiss den großen, nahen Popmoment. Und im August wird es – typisch Kunstrasen – stilistisch großzügig: Roxette als Comeback-Erzählung (mit neuer Sängerin), Roy Bianco als ironisch-elegante Italo-Verbeugung, Savatage als Metal-Abend für die, die ihre Gefühle lieber in Gitarrenwänden verstecken, OMD als Synth-Zeitreise, Roland Kaiser als kollektive Souveränität, Moby als melancholische Nachtfahrt, Amy Macdonald, Agnes Obel, The BossHoss – bis hin zu Nick Cave & The Bad Seeds, wenn der Sommer schon ein wenig dunkler denken darf.

Was das für die Stadt bedeutet, lässt sich erstaunlich nüchtern beschreiben: Aus einzelnen Konzertabenden wird Reiseanlass. Aus Reiseanlass wird Aufenthalt. Und aus Aufenthalt wird jene Ökonomie, die man in Hotelbetten zählt – aber eigentlich in Zeit. Bonn wird zur Station, nicht zum Zwischenhalt.

Das GSI-Hotel: Ein Haus, das Ruhe kann – und Haltung

In solchen Sommern zeigt sich, welche Hotels mehr sind als Logistik. Das Hotel Gustav-Stresemann-Institut ist eines dieser Bonner Häuser, die eine eigene Tonlage besitzen: kein Showhotel, eher ein Ort, an dem man morgens klar denken und abends gut landen kann.

Das Institut beschreibt sein Haus als 3-Sterne-Superior-Hotel und koppelt den Komfort an eine Mission: Mit jeder Übernachtung unterstütze man die Arbeit für Demokratie, Frieden und internationale Verständigung. Das ist nicht bloß ein hübscher Satz fürs Prospekt, sondern ein spürbarer Unterschied im Gefühl: Man wohnt nicht nur in Bonn, man wohnt in einem Bonner Gedankenraum.

Dazu passt die Anlage: Garten, Terrasse, Freizeit- und Fitnessbereich – also genau jene Mischung aus Rückzug und Beweglichkeit, die man nach einem langen Konferenztag oder einer lauten Kunstrasen-Nacht schätzt. Im Haus gibt es Restaurant und Bar; wer bleiben will, bleibt, wer arbeiten muss, kann arbeiten. Und die Zimmer sind so ausgestattet, wie man es in einer Stadt erwartet, die seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Politik, Wissenschaft und internationaler Zusammenarbeit lebt: Schreibtisch, Safe, das Praktische ohne Pose. (Auch das Buffetfrühstück gehört zu den Dingen, die man erst vermisst, wenn es fehlt.)

Die Lage – Bonn-Bad Godesberg, nah genug an der Rheinaue, um abends schnell wieder „draußen“ zu sein – macht das Haus zu einer Art Basislager: für Museumsbesuche genauso wie für Konzerttage, für Konferenzgäste ebenso wie für Wochenendreisende, die Bonn nicht als Abhak-Stadt, sondern als Aufenthaltsort behandeln.

100 Jahre Friedensnobelpreis: Bonn denkt den Sommer weiter

2026 ist in Bonn nicht nur Konzertjahr, sondern Erinnerungsjahr – und zwar eines, das erstaunlich aktuell wirkt. Der Friedensnobelpreis 1926 ging gemeinsam an den deutschen Außenminister Gustav Stresemann und den französischen Amtskollegen Aristide Briand, ausgezeichnet für ihre Rolle im Zusammenhang mit dem Locarno-Vertrag und dem Versuch, europäische Sicherheit auf Verständigung zu bauen.

Hundert Jahre später ist das nicht einfach Historie, sondern ein politischer Prüfstein: Was heißt Versöhnung, wenn die Gegenwart wieder unruhig ist? Wie viel Mut steckt in Verträgen, die nach dem Krieg nicht Rache, sondern Regeln wollen? Bonn, diese Stadt der leisen Mächte, hat für solche Fragen einen Heimvorteil: Man ist hier geübt darin, internationale Themen ohne Spektakel zu verhandeln.

Dass das Jubiläum nicht im Feuilleton stecken bleibt, zeigt ein sehr konkretes Zeichen aus Berlin: Die Bundesregierung hat beschlossen, eine 35-Euro-Sammlermünze „Friedensnobelpreis für Gustav Stresemann und Aristide Briand“ prägen zu lassen; die Ausgabe soll voraussichtlich im Oktober 2026 erfolgen. Auf dem Münzrand steht zweisprachig, was in Bonn fast wie eine Stadtdevise klingt: „FRIEDEN IN EUROPA – PAIX EN EUROPE –“.

Und mitten in Bonn liegt der Ort, an dem man aus diesem Jubiläum mehr machen kann als einen Jahrestag: das Gustav-Stresemann-Institut selbst. Das GSI kündigt das Jubiläumsjahr „100 Jahre Friedensnobelpreis“ ausdrücklich an und verbindet es mit Bildungs- und Dialogformaten. Wer im GSI-Hotel übernachtet, wohnt damit nicht nur in der Nähe der Stadt, sondern in der Nähe eines Programms: Seminare, Workshops, Konferenzen – Bonn als Denkraum, nicht nur als Kulisse.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Bonner Jahres: Tagsüber kann man am Rhein entlanggehen, abends bei Musik erleben, wie schnell Fremde zu einer Menge werden – und am nächsten Morgen in einem Haus frühstücken, das daran erinnert, dass Verständigung ebenfalls ein Handwerk ist. Bonn macht daraus keinen Lärm. Es macht daraus einen Aufenthalt.

Popper statt Panik, Tocotronic statt Techno-Pathos: KI als sokratische Maschine für den Mittelstand – Ausblick auf die Zukunftswerkstatt in Stuttgart am 5. Februar 2026

Es ist ein unscheinbarer Satz, aber er verrät, wie sich Öffentlichkeit gerade neu sortiert: „Wir sind Partner dieser Zukunftswerkstatt“, sagt Dirk von Gehlen, Leiter des SZ-Instituts, im Smarter Service Talk. Und er zählt gleich drei Gründe auf, warum er nach Stuttgart fährt – zur ersten Zukunftswerkstatt der KOMI Group am 5. Februar im Wizemann. Schöne Location, neue Partnerschaften zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft – und dann dieser „Spoiler“, der in Zeiten digitaler Dauervernetzung fast kontraintuitiv klingt: „…dass man beim Kaffee auf jemanden trifft und sich vernetzt, an Bedeutung gewinnt.“Das ist mehr als Veranstaltungsromantik. Es ist eine Diagnose: In einer Ökonomie, die Datenströme perfektioniert hat, wird das Unplanbare knapp – und damit wertvoll. Serendipity als Standortfaktor. Wer Innovation auf Folien reduziert, verwechselt Kommunikation mit Erkenntnis. Von Gehlen setzt dagegen eine alte Unterscheidung, die plötzlich modern wirkt: Es braucht „einen Raum … einen geschützten Raum“, in dem Gedanken entstehen dürfen – und dann „eine Bühne, um das wieder in eine neue Diskussion zu überführen“.Die Zukunftswerkstatt übersetzt diese Idee in ein Programm: Zukunftsforum und Lösungswerkstatt, Utopie und Anwendung, Debatte und Live-Hacking. Von Gehlen nennt das zwei „Temperaturen“ – und trifft damit einen Kern wirtschaftlicher Transformation: Ohne Praxis bleibt Vision Marketing; ohne Vision wird Praxis Betriebsblindheit. Und genau deshalb, so seine Beobachtung, hängt an KI und Digitalisierung bei vielen „Sorge“, „Verpflichtung“ und „schlechtes Gewissen“ – die Zweiteilung helfe, „dass es nichts ist, was ein Muss ist, sondern … ein Gestaltungsraum“.

Hidden Champions: 90 Prozent – und die fehlenden zehn

Wer über KI in Deutschland spricht, landet schnell bei einem nationalen Reflex: Wir seien zu spät, zu langsam, zu vorsichtig. Dagegen hilft kein Pathos, sondern Material. Und das hast du als Moderator geliefert: Die Studie „Zukunftsmacher“, die am 5. Februar in Stuttgart vorgestellt werden soll, beruht auf Interviews mit „55 Hidden Champions – von KUKA bis zum FC Köln“. Dein Punkt war entlastend und zugleich fordernd: Es geht nicht darum, das USA-China-Vergleichstheater auf der Metaebene zu gewinnen, sondern darum, Anwendungen zu finden, bei denen Experimentieren Schritt für Schritt Sinn ergibt.Von Gehlen greift das auf – und lenkt den Blick auf ein Selbstwahrnehmungsproblem: Man ist in vielem schon gut, bekommt aber nicht die Aufmerksamkeit, die daraus eine Erzählung macht. Stattdessen, so sein Befund, erzählen wir uns zu gern „was alles nicht funktioniert“ und übersehen, „dass es ganz viel gibt, was funktioniert“. Und dann fällt dieser Satz, der wie ein Bonbon klingt und wie eine volkswirtschaftliche Regel funktioniert: „as soon as it works, no one calls it AI anymore.“ Die Pointe ist bitter: Sobald Technik Alltag wird, verschwindet sie aus der Sprache – und damit aus dem Selbstbild. Ergebnis: „Dann ist man bei 90 und wir reden aber nur über die fehlenden 10.“Das ist die Hidden-Champion-Logik in einem Satz: Weltmarktführerschaft ist oft nicht laut, sondern eingebaut. Sie ist die Kunst, Intelligenz so in Produkte und Prozesse zu versenken, dass sie niemand mehr für „KI“ hält. Und es ist zugleich ein Warnhinweis an Politik und Medien: Wer nur über Hype und Bedrohung redet, verfehlt die produktive Mitte – den pragmatischen Fortschritt.

Nicht Orakel, sondern Werkzeug: die sokratische Maschine

An diesem Punkt dockt das Buch an, das im Gespräch mehrfach aufscheint: „Wie KI dein Leben besser macht“ (Kösel, 2025), verfasst von Franz Himpsl und Dirk von Gehlen. Leitidee: KI nicht als übermächtige Kraft, sondern als gestaltbares Werkzeug. Von Gehlen formuliert das im Talk so: „KI nicht als Bedrohung … sondern als etwas, was wir lernen können, zu gestalten.“ Und er setzt den Kontrapunkt zur internationalen Erregungsökonomie gleich hinterher: „Da sind wir nicht OpenAI auf Hype-PR-Tour, sondern … man macht lieber etwas.“Himpsl liefert dafür das passende Bild: die „sokratische Maschine“ – ein Trainingsgerät für intellektuelle Redlichkeit. Nicht weil die Maschine Recht hätte, sondern weil sie widersprechen kann, ohne gekränkt zu sein. Von Gehlen übersetzt das in eine Übung, die in Unternehmen mehr verändern könnte als der nächste Strategie-Workshop: „Sagen wir doch mal die Argumente der Gegenseite. Das ist ja die Voraussetzung, um auf neue Ideen zu kommen.“ Wer das ernst nimmt, erkennt: Der Engpass moderner Organisationen ist selten Rechenleistung – es ist die Qualität der Entscheidungen unter Unsicherheit. Bessere Einwände, bessere Entscheidungen. Die sokratische Maschine wäre dann keine Abkürzung am Denken vorbei, sondern eine Abkürzung ins Denken hinein.

Popper als Betriebsanleitung: nicht Bestätigung, sondern Widerlegung

Von hier ist es nur ein Schritt zu Karl Popper – und im Talk wird er ausdrücklich gegangen. „Das Credo ist ja einfach nicht nach Bestätigungen zu suchen, sondern nach Widerlegungen“, sagt von Gehlen, „das ist doch die Essenz von Wissen.“ Und dann, fast lehrbuchhaft: „Wahrheiten … temporär anerkennen. Sie gelten nur so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das ist die Idee von Karl Poppers kritischem Rationalismus. Ich bin da großer Fan.“Übersetzt in Wirtschaftssprache ist das keine Philosophievorlesung, sondern Organisationsdesign: Hypothesen bauen, Gegenhypothesen zulassen, Fehler früh finden. Wer dagegen nur Bestätigung sucht, betreibt – freundlich gesagt – Unternehmensfolklore. Und hier berührt sich die KI-Debatte mit der Debatte über Öffentlichkeit. Von Gehlen warnt vor „algorithmischen Öffentlichkeiten“ und sagt einen Satz, der in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie wie eine Grundbedingung klingt: „Meinungsfreiheit funktioniert nur, wenn wir auch Informationsfreiheit haben.“ Die Zukunftswerkstatt wird damit mehr als ein Ort für Tools: ein Ort für Korrektive – für Einwände, Perspektivwechsel, gemeinsame Lernkurven.

Tocotronic und das Recht, sich zu widersprechen

Und dann – als Gegenmittel gegen die technokratische Verengung – Tocotronic. Auf die Frage, wie viel Tocotronic es in Stuttgart geben werde, antwortet von Gehlen: „Ich bin großer Fan“ – und nennt ein Lied, das seine KI-Erfahrung spiegele: „Die Geschichte, wie ich mir selbst entkam.“ Kurz darauf fällt noch ein Titel wie ein Parolensatz für Gegenwart und Wirtschaft zugleich: „Das Unglück muss zurückgeschlagen werden.“Popkultur ist hier nicht Dekoration, sondern Erinnerung: Transformation ist nicht nur Technik, sondern Identitätsarbeit. Und diese Identitätsarbeit braucht – wieder Popper – das Recht, falsch gelegen zu haben. Von Gehlen formuliert es politisch und zugleich zutiefst ökonomisch: „Das wirkliche Privileg ist, du darfst deine Meinung auch ändern.“ In freien Gesellschaften ist Kurskorrektur kein Makel, sondern Methode.Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Smarter Service Talks: KI wird nicht dadurch „smarter“, dass sie uns ersetzt, sondern dadurch, dass sie uns widerspruchsfähiger macht – im Denken, im Entscheiden, im öffentlichen Gespräch. Raum und Bühne. Hidden Champions und sichtbare Lernkultur. Sokratische Maschine und kritischer Rationalismus. Und irgendwo zwischen Vizemann und Wirklichkeit die Hoffnung, dass man 2026 nicht mehr nur über die fehlenden zehn Prozent redet – sondern endlich versteht, was die neunzig bereits können.

Links / Infos:

– Zukunftswerkstatt: https://komi-zukunftswerkstatt.de/

– Studie „Zukunftsmacher“: https://www.smarter-service.com/studien/zukunftsmacher/

– Buch (Kösel, 2025): https://www.dirkvongehlen.de/wie-ki-dein-leben-besser-macht-50-denkanstoesse-fuer-einen-entspannteren-alltag/

– SZ-Institut: https://institut.sz.de/

– Dirk von Gehlen: https://www.dirkvongehlen.de/

LinkedIn: https://www.linkedin.com/events/7420059418194493441/?viewAsMember=true